Schreibraum

SpätLese


Kostproben von Teilnehmenden aus Kursen und Workshops

Akrosticha

F – rühling
R – undum
Ü – berall ein Grünen und Blühen
H – elle Wolkenbilder am blauen Himmel
L – öwenzahn und Gänseblümchen konkurrieren mit Forsythien, Kirsch- und Apfelblüten
I – n den Beeten zeigen sich Hyazinthen, Narzissen und Tulpen in voller Pracht
N – irgendwo ein Flugzeug, kaum Autos
G – elobt sei diese himmlische Ruhe, bei der man die Vögel singen hört.


O – sternacht
S – terne leuchten am klaren Himmel
T – rübe Gedanken blockieren die Osterfreude
E – ssen und Trinken in trauter Zweisamkeit, es fehlen die österlichen Rituale
R – ichtige Stimmung kommt nicht auf
N - ichts ist wie sonst, eine beispiellose Zeit

Frühling, Ostern 2020
Irmin Schmuck

Gedanken

Ich habe die Wahl.
Meine Gedanken können leicht sein.
Sie können aber auch schwer sein.
Ich habe die Wahl.
Vieles kommt und geht, Angenehmes und Unangenehmes.
Wie gehe ich damit um?
Ich habe die Wahl.
Meine Gedanken können auch leicht sein.
Gisela Girke

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne*

mit dem ich staunen
und erleben möchte,
wie einzigartig
dieses kleine Wunder Mensch
jetzt vor mir liegt...
Durch meine Hand
geboren,
ein warmer
nasser
kleiner Kopf.

Die Augen
suchend,
blickend,
im Schein des Kreissaallichts,
nicht wissend
was das Leben bringt.
Und ich?
Inmitten von Babygeschrei,
den strahlenden Augen der Mutter,
geschafft,
doch voller Kraft,
fühle ich mich
vom Leben grenzenlos beschenkt,
für dieses einzigartige Gefühl,
HEBAMME sein zu dürfen.

*Zeile aus: Hermann Hesse, "Stufen"
Iris Süßmuth

Senryu

Lebensbegleiter
Meiner beseelten Kinder
Bei Ebbe und Flut
Ramona Souren-Wisniewski

Das leidenschaftliche Paar

gewidmet Meinem Liebsten

Aus der Ferne
der Zugang ist gesperrt
Die innige Umarmung
sie fällt auf ihn zu
in ihn Hinein
nahezu in Ohnmacht
er fängt sie auf
federt sie ab
ganz sanft
Der intensive Kuß
der sie schützende Arm
ganz gefangen
im Bann der Leidenschaft
Auf der anderen Seite tanzen sie
oder ist es ein Ringen?

Inspiriert durch eine Skulptur im Museum Folkwang am 12. April 2019
Tabea Bluhm

Liebe

Von Liebe erfüllt sein
Ein Gefühl von so schöner Energie 
Diese Wärme fließt durch deinen Körper
Von Liebe erfüllt sein
Du fühlst dich beseelt 
So facettenreich wie ein Kaleidoskop 
Von Liebe erfüllt sein
Ein Gefühl von so schöner Energie
Ramona Souren-Wisniewski

Eine Geschichte weitererzählen...

"Eine Freundin von mir arbeitet im städtischen Fundbüro, sie erzählt oft von Regenschirmen, Standuhren, Gebissen und Gläsern mit Heuschrecken, Dingen, die bei ihr abgegeben werden. Neulich..." *

... räumte sie die Regale auf, eine Geige war dazugekommen, verloren in einem ICE, und diese Geige teilte sich nun den Platz mit vielen anderen Instrumenten, Flöten, Trompeten, weitere Geigen und Streichinstrumenten, Trommeln, sogar ein elektronisches Klavier in einem Koffer war dabei.
Hier liegt ein ganzes Orchester, dachte meine Freundin, und alle Instrumente sind zur Untätigkeit verdammt, das ist traurig. Wie wäre es, diese stummen Instrumente wieder mit Leben zu füllen, mit Musik und Applaus? Ihre Kollegen hatten viele Bedenken, Fundstücke darf man nicht einfach benutzen, was ist, wenn der Besitzer doch noch erscheint. Trotzdem erreicht sie, daß Musiker sich bereit erklären, diese Instrumente zu spielen. Einmal im Jahr gibt es nun einen Konzertabend des „Verlorenen Orchesters“ - umjubelt und gefeiert! Danach nehmen die Instrumente wieder ihre Plätze im Fundbüro ein – bis zum nächsten Jahr.

*Satzanfang aus: Marie T. Martin, "Woher nehmen Sie die Frechheit, meine Handtasche zu öffnen?"
Antje Sterner

Regenbogen

Und dann geschah es, dass die Sonne durch die Wolken brach und durch die glitzernden Regentropfen schien. Am Himmel entstand ein leuchtender Regenbogen. Dies war ein Zeichen, dass sich jetzt alles verändern würde.

Sie musste nur auf den Regenbogen zugehen. Er spannte sich weit über das Tal, Anfang und Ende verschwanden hinter den Hügeln. Sie ging den Pfad hinunter ins Tal, durch die Wiesen, die noch vom Regen leuchteten, kleine Rinnsale fanden ihren Weg hinab. Es war schon länger her, dass sie ihre Umwelt überhaupt wahrgenommen hatte. Jetzt leuchtete es und glitzerte es in allen Farben. War doch nicht alles so dunkel und grau? Würde sich eine Lösung in dieser bisher scheinbar hoffnungslosen Situation finden?

Es schien jetzt keine Eile zu haben. Es würde sich finden ... bald schon. Sie war auf dem Weg. Es kehrte Ruhe ein und eine große Zuversicht erfüllte sie. Es gab nicht nur eine, sondern viele Möglichkeiten. Sie hatte die Wahl. Niemand konnte ihr vorschreiben, was zu tun wäre. Sie musste nichts einfach hinnehmen.

Sie blickte hoch. Die Wolken - aber auch der Regenbogen waren verschwunden. Nur noch die Sonne schien.
Gisela Girke

Dem Licht entgegen

"Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunkeln Walde allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er mußte über bemooste Steine klettern, die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte. Je höher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Öffnung erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu seyn schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen glänzte..." *

Fortsetzung der Geschichte:
...
Als er durch die große Weitung trat, umfing ihn das schimmernd leuchtende Licht. Es schien sich wie ein wohlig warmer Mantel um ihn zu legen. Er hatte das Gefühl das Licht zu hören. Ein Knistern und Summen, wie die Energie, die durch eine Stromleitung fließt. Das Licht schien in jeglichen Gelbtönen zu fluoreszieren, es sah aus als würden kleine Lichtwesen herum schwirren und ihn zu sich winken. Wie in Trance folgte er dem tanzenden Licht. Bis es so grell weißlich aufleuchtete, dass er die Augen schließen musste. Als er sie wieder öffnete und seine Augen sich erholten, stand er an einem Ausgang. Das warme Tageslicht, welches den Himmel in ein strahlendes HellbIau tauchte, lockte ihn heraus. Sein Blick senkte sich und fiel auf eine wunderschöne in sattes Grün erleuchtete Wiese. Nicht all zu fern sah er die ihm bekannten Tiere in ihren verschiedenen Weiß- und Brauntönen stehen. In unmittelbarer Nähe zu den Tieren sah er die zugehörigen, ihm vertrauten Menschen. Er lief von Freude und Glück erfüllt los. Er hatte seine Karawane wieder gefunden.

* Textauszug aus: Novalis, "Heinrich von Ofterdingen", 1. Theil, 1. Kap. "Die Erwartung". Er war Vorlage und Anregung für die Fortsetzungsgeschichte.
Ramona Souren-Wisniewski

Ich erinnere mich…

da war ein RAUM, der mein Zuhause war über lange Jahre. Ein weiter, hoher RAUM. Lichtdurchflutet, mit einer außergewöhnlichen, niemals langweiligen Gestaltung, mit einer Aussicht in die weite Auenlandschaft bis zum Rhein, wo sich Auge und Geist erholen konnten, wo die Gedanken flossen, egal, ob man den Blick in die Ferne richtete oder in den RAUM selbst, wo es so viel zu sehen gab, wo die Farben und Formen harmonisch miteinander spielten, wo man sich ausruhen konnte, körperlich wie mental. Ein RAUM, der Stille atmete, Innehalten, und gleichzeitig inspirierte zu neuen Gedanken und Taten. Ein RAUM, der aufgrund seiner Konstruktion Durchblicke ermöglichte, Durchgänge und Abzweigungen. Unterschiedlich ausgestaltete Ecken und Nischen luden dazu ein, neue Blickwinkel einzunehmen, das Licht anders zu erleben und wirken zu lassen. Richtig hoch war der RAUM – an der höchsten Stelle wohl bald vier Meter. Wie ein Zelt. Und so war er nicht nur RAUM, er bot auch RAUM für Vieles, unter anderem für ungezählte kreative Projekte… Er war der RAUM, wo wir unser Buch schrieben und fertigstellten, wo wir mit künstlerischen Fotoinstallationen experimentierten, wo wir lebten und uns liebten, uns stritten und versöhnten, wo wir litten und uns freuten. Von dem wir leider Abschied nehmen mussten – er nach 14 Jahren, ich nach 18 …
Ein Traum-RAUM für mich – ein RAUM, der alles bot: Heimat und Entwicklung.

Der Text wurde angeregt durch das Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse, hier konkret das Schlüsselwort „Raum“.
Doris Peukert

Ohne Titel

sprachlos
unsagbar
wortlos, wertlos

im Traum
ein weinendes Kind
ich kann es nicht trösten
hilflos
ratlos
Susanne H.-K.

Heute

Am Morgen tönt der Weckruf
löst sich der Traum
die Glieder bleischwer
möchten weiterschlafen.
Duschen tut gut.

Da!
Ein Windhauch im Inneren
Ein Schmetterling flattert –
Flüchtig und zart.
Es ist die Freude,
die Freude auf den Tag,
meinen Tag!
Susanne H.-K.

Akrostichon zu dem Wort Wagnis

W – agen neuer Wege
A – ngst lässt zögern
G – ründe dafür mannigfaltig
N – achhaltig drängend
I – rrtum und
S – icherheit selten
Susanne H.-K.

Wir gehen die Treppe hinunter, wir… *

… streben dem Ausgang zu.
Die Tür ist bereits geöffnet.
Doch was ist die Aussicht, die sich bietet?
Undurchdringlicher Dschungel.
Wollen wir wirklich da hinaustreten?
Alle Wege scheinen versperrt.
Zurück können wir aber auch nicht.
Wir haben uns entschlossen zu gehen,
den uns vertrauten Ort zu verlassen.
Vor uns das Unbekannte. Das Ungewisse.
Das möglicherweise Bedrohliche und Gefährliche.
Lass uns den Schritt hinaus trotzdem wagen.
Vielleicht ja öffnet sich die dunkle Wand, wenn wir uns nähern.
Und wir erkennen gangbare Wege.
Lücken im scheinbar Undurchdringlichen.
Die Hoffnung ist da.
Trotzdem.

*Satzanfang aus dem Buch „Kindheit“ von Nathalie Sarraute; der Text ist ferner inspiriert durch das Bild „Stairway“ von Edward Hopper (1949).
Doris Peukert

Man hat mich mitgenommen...

zu lernen,
wie aus Negativem
Positives,
wie jetzt entstandenes
zu Bildern, Fotos wird.
Wie Momente
sich erst unscharf,
dann leuchtend klar
im Dunkelkammerlicht,
langsam deutlich zeigen.
Dass ich als Künstler dieses Bild geschaffen habe,
mit einem Blick
das Wesentliche eingefangen,
durch meinen Kopf entstehen lassen,
liegt es im Wasser schwimmend,
und läßt mein Herz
vor Stolz und Freude springen...
Iris Süßmuth

Nachsicht

Ich wünsche mir Nachsicht, für mich und auch für andere.
Wenn ich sehe, was da alles nicht stimmt,
immer wieder, immer das Gleiche, ich muss da was sagen.
Ich wünsche mir mehr Nachsicht.
Jeder macht, was er für richtig hält
und gibt sein Bestes im Augenblick.
Ich wünsche mir mehr Nachsicht
vieles stimmt nicht – aber kann ich was ändern?
Gisela Girke

Ohne Titel

Ich möchte in mir Frieden finden,
vielleicht im feinen Sand am Meer,
in Stille sitzend, einfach schauend,
im Frieden finden, ganz tief in mir.
Iris Süßmuth

Impressionen im Angerbachtal

„Nach dem Essen sollst du ruh'n
oder 1000 Schritte tun!“
Strömen und Ruhen, Rhythmus des Lebens,
Auf und Nieder auf verschiedenen Wegen.
Es klappert die Mühle am rauschenden Bach.
Ein Buddha sitzt unter einem Dach.
Im Abseits eine Kamelie mit Knospen,
daneben Stühle, die verrosten.
Holzscheite liegen vorm Kamin.
Fahnen flattern vor sich hin,
Enten ruhen auf dem Teich.
Was erwartet mich wohl gleich?
Modrig riecht faulendes Holz,
einst ein dicker Baum, voll Stolz.
Die Anger plätschert vor sich hin,
meandriert nach ihrem Sinn.
Zwischen bunten Bäumen eine Lücke
mit Abfall neben der Eisenbahnbrücke.
Ein Spielplatz lädt zum Bewegen ein.
Welche Sportart soll's heute für mich sein?
Hockey, Fußball, Volleyball?
Ob ich das denn wohl noch kann?
Ach, ich sitz' lieber auf des Elefanten Haut
in der Sonne zwischen buntem Laub.
„Nach dem Essen sollst du ruh'n
oder 1000 Schritte tun!“
Irmin Schmuck

-

Erntezeit.
Erntezeit, Herbst.
Erntezeit, Herbst, Wiederkehr.
Erntezeit, Herbst, Wiederkehr, Rhythmus.
Trommel.
Sabine Kehl

Ohne Titel

Es war ein Biber,
der sägte und sägte,
Stück für Stück,
emsig und gewissenhaft,
ein Stück Holz,
tief konzentriert,


Was macht er mit den einzelnen Stücken,
wenn er alles zersägt hat?
Baut er ein Floß oder eine Brücke,
um zum Beispiel einen Fluss zu überqueren
oder dem Fluss auf einem Floß zu folgen?
Bereitet er sich ein Nachtlager,
um eine vor ihm liegende kalte Nacht
mit einem wärmenden, knisternden Lagerfeuer zu überstehen?
Oder baut er sich eine kleine Hütte, ein Zuhause?

Auf jeden Fall fällt auf,
dass er durch die Veränderung
der Form des Stück Holzes
Flexibilität schafft,
aus der etwas Neues, für seine Zwecke Brauchbares
entstehen kann.

Dies macht er sehr konzentriert und zielgerichtet.
Sabine Kehl

Ohne Titel

Veränderung ist ein wichtiger Bestandteil von Entwicklung.

Wenn Du ein Element eines Ganzen in Bewegung bringst, müssen sich die anderen Elemente auch bewegen, weil sonst zerreißt es das ganze System.

Ein System: Verständigung, Beziehung, Kommunikation, Mitgefühl, Resonanz.
Veränderung ist ein wichtiger Bestandteil von Entwicklung.
Schwingung.

Beschwingt sein.

Veränderung ist ein wichtiger Bestandteil von Entwicklung.

Wenn Du ein Element eines Ganzen in Bewegung bringst, müssen sich die anderen Elemente auch bewegen, weil sonst zerreißt es das ganze System.
Sabine Kehl

Strömen

und Ruhen
Rhythmus des Lebens
immer auf verschiedenen Wegen
Körper-Seele-Geist-Konzept

Rhythmus
des Lebens
Strömen
Ruhen
Auf
Nieder
Langsam
Schnell
Alles so, wie ich es will?

Wahnsinn
dieses Leben
ein echter Krimi
gezeugt, geboren, gewachsen, entwickelt
Lebenslauf

Jahreszeiten
ständiger Wechsel
Kommen und Gehen
erwarten, genießen, ertragen, loslassen
Lebenszeiten

Herbst
des Lebens
die Ernte einbringen
den Winter erwarten zum
Ausruhen
Irmin Schmuck

An der Auermühle im Angertal

Strömen und Ruhen
Yin und Yang
Ergänzen sich
Bedingen sich
Gehören einfach zusammen
Bilden erst gemeinsam ein Ganzes
Denn man kann nicht nur strömen
Und man kann nicht immer nur ruhen.

Sieh den Bach, wie er dahinfließt:
Zeitweise strömt er – über Hindernisse, Steine, Baumstämme, Stufen – und sprudelt und will sich schnell nach vorne werfen, ungeduldig seinem Ziel entgegen.
Dann wieder erlahmt er – er hat sich wohl ausgepowert – und muss Ruhe schöpfen. Er fließt in eine Ausbuchtung am Ufer hinein, immer tiefer, und bildet einen kleinen Teich, so glatt wie ein Spiegel. Er ruht sich aus. Jedenfalls ein Teil von ihm. Er sammelt Kraft. Er bildet eine eigene kleine Welt, die auch anderen Lebewesen offen steht. Fischen zum Beispiel, die es lieber ruhiger und sanfter mögen. Und Enten, die hier ihr Mittagsschläfchen halten wollen…
Mir bietet der kleine Teich eine wunderbare Spiegelfläche zum Ausruhen. Hier kann sich mein Blick beruhigen. Und mein Geist. Doch nebenan strömt, rauscht und poltert es mit geballter Kraft, da drängt es vorwärts voller Energie und Unternehmungslust.
Ich finde mich in beiden Elementen wieder: im strömenden, mitreißenden Bach - und im tiefenentspannten Teich.
Strömen und Ruhen.
Yin und Yang.
Ein Ganzes.
Eine Kugel.
Ein Kreis.
Doris Peukert


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